Eröffnungsrede zur Ausstellung
Marina Büning: cut and paste- made in Italy
Katholische Akademie Freiburg, 3. Sept. 2007

Liebe Gäste, liebe Marina,

ich freue mich, Deine Ausstellung hier und heute in der Katholischen Akademie Freiburg eröffnen zu können. Du hast ja mit Freiburg einen wunderbaren Schnittpunkt gefunden zwischen Deutschlands Norden, in dem du selbst lange gelebt hast, und Rom, wo du heute arbeitest. Du hast auch für das Ausstellungsmotto ein Dazwischen-Sein gewählt. Einerseits weist uns Made in Italy sofort auf produzierte Dinge bzw. auf Waren hin (und übrigens auch -weil made in Italy – auf fremde Waren.) Und auf der anderen Seite koppelst du das Ausstellungsmotto zurück an die Verarbeitung von schnellen Informationen, an die Technik des cut and paste, wie wir sie an unseren Rechnern betreiben. – Also zugleich etwas sehr Festes –nämlich die Dinge- und etwas sehr, sehr Fluides wie der Umgang mit Informationen.
Das entspricht auch der Zwischenposition der ausgestellten Arbeiten: Einerseits die festen Objekte selbst – etwa die Objekt-Kästen. Andererseits etwas eher Leichtes – Informationen, Botschaften, Zeichen und Assoziationen, die uns ja angesichts des Innenlebens der Objekte sofort durch den Kopf sausen. Also sehr Flüchtiges und sehr Stabiles.
Bei der Gelegenheit möchte ich kurz auf die historische Seite des cut and paste motto zurückkommen, auf eine Praktik, die am Anfang der Informations- bzw. der Zeitungswissenschaft stand. 1879 hat der Graf der Chambure in Paris den Argus de la Presse gegründet. Der Graf war auf die geniale Idee gekommen, alle Pariser Zeitungen durchforsten zu lassen, um alle irgendwie dort zu findenden Kunstkritiken zu einzelnen Künstlern ausschneiden und aufkleben zu lassen- also cut and paste.. Und diese kleinen Informationshäppchen hat er dann an die interessierten einzelnen Künstler gegen Geld weiter verkauft. Die Idee, die kurzlebige ZeitungsInformation, -heute Information, morgen Müll,- in eine andere Ordnung hereinzubringen, nämlich beispielsweise in eine Ruhmesleiter für den einzelnen Künstler, diese geniale Verbindung zwischen den absolut Flüchtigen und Vergänglichen –den Müll-, und der persönlichen Himmelsleiter, an der man sich aufrichten und höher klettern konnte, diese ab-sonderliche, sondierende Technik des banalen Zerschneidens, sie wurde sehr schnell zu der gängigen Praktik der Informationsverarbeitung. Ein Zerteilen und Neuordnen der schnell gewordenen Zeiten zu neuen Ordnungen- Vergänglichstes verewigen.

Maria Büning machst eigentlich etwas Ähnliches- Sie legt Archive an von sehr vergänglichen Objekten, die man eher nebenher findet: auf Flohmärkten, vielleicht am Strand, am Straßenrand, an und in Ecken, in kleinen Geschäften, bei Nachlässen, in Kinderstuben und Krämerläden. Auch bei diesem Ausschweifen abseits der großen urbanen Bewegungslinien kann plötzlich etwas auftauchen und gefunden werden. Dann aber geht es darum, das Gefundene in eine andere Ordnung zu versetzen.
In welche Ordnung?
Hier kommen wir an die Objekte heran. Zwei Grundformen durchziehen das Oeuvre. Der Kreis und das Rechteck bzw. das Quadrat. Ordnungsformen wie Kreis und Rechteck hätten- wie ein Gründungsmythos der Moderne lautete, am Anfang der abstrakten Malerei gestanden. Jedenfalls lt. Cezanne und seiner Schule ordne sich die ganze Natur nach diesen idealen Grundformen. Das bedeutete damals auch, dass Kreis und Quadrat jeweils als Optimumformen verstanden wurden. Sie fassten angeblich die ideale, ideelle Identität eines Objektes. Sie wurden tendenziell immer als das Erste gedacht, als Bauplan, als Anfang, aus dem Variationen, Abweichungen , ja Fehler der jeweiligen Objekte entsprangen, alles, was man als Künstler, dem es ja ums Wesentliche gehe, vernachlässigen und meiden sollte. Deswegen Kreis und das Rechteck bzw. Quadrat als ideale Grundformen. Bei M. B. ist nun allerdings auffällig, dass bei ihr diese Grund-Formen, mit Blick auf die von ihr gewählten festen Behältnisse, nie als Einzelne, als identisch- machende auftauchen, sondern immer in binären Mustern oder in Variation mit Dritten vertreten sind .
Wenden wir uns einmal genauer der Kreisform zu. Bei ihrer Doppelung- ein Kreis und noch ein Kreis-, können wir den kleinen Sprung machen von der objektiven Ordnungsvorstellung des Einen, des Identischen, hin zu dem, was für uns immer dazwischen gestellt sein muss, um zu diesem Einen, dem Identischen zu kommen. Es ist unser Augenapparat, unsere Wahrnehmung. Da handelt es sich immer um zwei Punkte. Die Phantasie, die ich habe, wenn ich diese Doppelkreise sehe(*im Katalog zu bewundern, bei der Hängung noch über die gemeinsame Rahmenfärbung zu erkennen), handeln von Augengläsern. Ich denke an Brillen, an Ferngläser, an Theatergläser, und zugleich- unbewußt auch an Köpfe, die diese Gläser tragen. Und wenn wir bei diesen Köpfen sind, dann sind wir auch gleich beim Gehirn, bei unseren Hinterköpfen, in unserer ureigensten Vorstellungs- und Phantasiewelt. Nun kommen diese objektiven Kreisformen aus ihrer Fest-Stellung des Einen heraus und fangen an zu oszillieren, werden beweglicher, flattern. Es kommt nicht von ungefähr, dass ich bei den Kreisobjekten, – etwa bei jenem Doppel, das wie einen fernen Fixpukt ein kleines nacktes Püppchen umschließt- sofort an die stereoskopischen Fotografien im 19. Jahrhunderts denken muss. Gerade als Aktinszenierungen fanden diese stereoskopischen Doppelfotos reißenden Absatz. Durch eine besondere Brille sah man den vermeintlich realen Akt, aber tatsächlich sah man nur zwei ganz leicht verschobene Photos. Im Gehirn entstand aber die vorher kalkulierte Illusion eines Realraums.
Diese Illusion eines Realraums, dieser plötzliche Zusammenschluss bzw. das Verbinden der fluiden Vorstellung mit einer manifesten Körperempfindung wird auch noch auf einer anderen Ebene der Kreisobjekte anschaulich. Marina B. arbeitet mit Plüsch. Die Kreise sind meist mit einem sehr haptisch -sinnlichen Material, mit Stoff, mit Plüsch umrandet bzw. besser gerahmt worden. Diese Rahmung weist uns – soz. ganz postmodern – noch einmal ins 19. Jahrhundert, in jene reich gefüllte Wiege unserer Moderne und Postmoderne. Damals war die Zeit der Erfindung von Ersatzstoffen. Damals wurde auch Plüsch als Ersatzmaterial von Samt erstmals industriell sehr günstig herstellbar und massenhaft verkauft. Die bürgerlichen Interieurs und Salons wurden, war man nicht ganz so reich, mit Plüsch ausgebettet. Es waren die dunklen roten Salons, die grün, rot, braun schimmernden Farben, die aus diesen weichen Räumen heraus leuchteten. Die Theatersessel waren noch mit rotem Samt überzogen, die Kinosessel wurden dann mit Plüsch aufgefüttert. Alles wurde getan, damit die realen Körper sachte in einen realen Phantasieraum, in einen Zwischenraum des Alltags versetzbar wurden. Und das machen auch Marinas Arbeiten mit uns. Das heißt, das Szenario, das in den kleinen okularen Plüschfenstern aufgebaut wird, dies Szenarion setzt Geschichten in unseren Köpfen in Gang.

Es gibt aber noch eine andere Fährte zu den von Marina Bünigs konstruierten Zwischenräumen, und zwar dann, wenn sie mit Rechtecken, mit Kisten arbeitet. Hier stellt sich den ins „Unordentliche“ verführbaren Augenpaaren ein stabilerer Rahmen quer ins Blickfeld. Denn diese Behältnisse spielen mehr mit Assoziationen an wissenschaftliche Praktiken. Man könnte z. B. an Archivkästen denken. Auch die Objekte, die man ins Archiv setzt, werden aus ihren ursprünglichen Zusammenhang herausgenommen. Sie werden isoliert und dann von den Wissenschaftlern oder wissbegierigen Sammlern in erfundene Ordnung versetzt. Wenn die „Plüschaugen“ auf Phantasieräume anspielen, dann wird in den Archivkästen die wissenschaftlich-rationale Ordnung sehr ironisch gebrochen. Wir können übrigens auch an größere Ordnungen denken, die dem Kastenprinzip nachgebildet sind, und die von Marina Büning soz. zuerst gebührend verkleinert und dann aufs Korn genommen werden. Terrarien, Schauräume, Wunderkammern, ja sogar die Gärten sind ursprünglich die kalkulierte Versammlungen von Pflanzen, die sonst so in der wilden Natur nicht gemeinsam auftreten. Letztlich auch hier eine zeremonielle Ordnung, deren Verwirrung wir hier beobachten oder genießen können.
Wenn wir bei der Gelegenheit auf die Titel der einzelnen Objekte schauen, sehen wir an den poetischen Betitelungen, wie der strenge Gestus des Forschers umgeschrieben wird, aber auch, wie das Spiel mit publikumsträchtigen Schaulüsten umkreist wird- z. B. als „Urwalderinnerung“ oder beim „verlorenen Polarbär“ oder bei „Wolferl und Stanzerl“.
Nun geben uns diese Geschichten, weil sie immer auf zwei Ebenen spielen, nie einen Anfang vor. Da sie immer in der binären oder seriellen Ordnung funktionieren, haben sie einerseits etwas von einer Erzählung. Und zugleich haben sie etwas an sich, was der fortlaufenden Erzählung widerspricht: Sie werden sofort absurd. Schon am Ende des 19. Jahrhunderts wurden ja verschiedenste Begriffe und Denkbilder dafür gefunden, das immer etwas im aufgeklärten Alltag daneben ging- der /das bekannteste ist Freuds Begriff oder Freuds Bild von der Schicht des Unbewußten. Bei der Gelegenheit: erinnern die eingeschlossenen Figürchen nicht immer auch irgendwie an Trophäen? Aber nur halbwegs. Denn zugleich treten uns eben unentschiedene Siege vor Augen. Marina Büning inszeniert im Kleinen Angriffsordnungen und instabile Augenblicke.
Und hier, glaube ich, steht die Künstlerin in bester Tradition zur surrealen Moderne, die als erste darauf aufmerksam machte, dass wir uns neben unserer Alltagsordnung immer noch auf einen anderen Grund fortbewegen. Die Surrealisten haben seinerzeit an die Alltagsobjekte der neuen Industriegesellschaft angeknüpft, um diese programmatisch zu kritisieren und zu überwinden. Die Surrealisten fügten die Geschichte der Massenproduktion, angefangen bei den ersten Warenkatalogen bis hin zu ihrem Ende im Sperr-Müll, in ihren Collagen und Objekten mit den Mythen einer anderen Zeit zusammen. Da sind wir wieder bei unseren cut and paste und sogar bei Graf de Chambure angekommen. Nur dass der den Zeitungsbätterwald zerschnitten hatte. Massenwirksamer und unmittelbarer in unseren alltäglichsten Alltag hinein wirken heute allerdings die Bilderströme, in denen wir uns kontinuierlich bewegen und die uns kontinuierlich bewegen.
Marina Bünings ästhetische Praxis geht mit diesen Bilderströmen unseres kollektiven Gedächtnisses um, nicht krittelnd, pathetisch, sondern lustvoll, und überführt es – könnte man sagen- kunstvoll an den Punkt, wo wir dieses uns verordnete kollektive Gedächtnis wieder in unsere subjektive Wahrnehmung hereinholen können. Und zwar über Märchen, Mythen, Gebräuche, Riten, Spiel-zeug, Schmuck, Sou- venirs – sou – das ist unten, das kommt(venir), das kommt ins Gedächtnis zurück. Immer leiten allerkleinste Spuren, die Marina Büning legt, zu den Spielwinkeln eines kulturellen Gedächtnisses. Es kommt beim Anblick der Objekte subjektiv und produktiv in Bewegung. Die Arbeiten reizen dazu, uns in jene Situation des Dazwischen-Seins zu begeben. Und dabei in diesem Dazwischen immer festgehalten zu werden, nicht zu entschweben. Dafür sind die Fixpunkte der Figürchen zu klein, zu direkt, ja banal, pop-ulär, jedenfalls zu präsent. Es bleiben immer solche Objekte, wie wir sie alle kennen, und die trotzdem oder gerade deswegen die Lust auslösen könnten, etwas wieder in die eigenen Finger zu nehmen, herumzudrehen, zu verschieben, sicher auch Kindheitserinnerungen oder irgendwie jüngst aufgetauchte Geschichten. Wir sehen Szenarien, Bühnen jedenfalls, die uns zum Lächeln bringen – oder zum Staunen, oder zum Rätseln.

An diesem Ende der Sachen angekommen, möchte ich Sie doch noch auf eine dritte Ordnungsform verweisen, mit der Marina B. sich beschäftigt. Das ist die Form des Netzes( Sie können es v. a. bei den Radierungen entdecken ). Und da sind wir am Ende der Rahmungen, der auf Ausschluss und Identität zielenden Formen des Kreises und Rechtecks, auf eine Ebene der Enthierarchisierung gestoßen. Es ist das Netz, das den Mythos der unendlichen Verknüpfungsmöglichkeiten sinnhaft vor Augen führt – als Bild, als Metapher – und es ist das Netz, das neben diesen enthierarchisierten, sich öffnenden Freiheitsräumen auch etwas anderes schaffen könnte. Man kann auch ins Netz gehen. Man kann sich auch in Netzen verfangen, man kann etwas Unsichtbares fischen. Und genau das ist es, was ich Ihnen allen jetzt wünsche, wenn Sie sich nun selbst zwischen die Objekte und Bilder begeben: verfangen Sie sich angenehm in den Netzen, die die Künstlerin hier in der Akademie für Ihre Imagination aufgespannt hat.

Ruth Wöbkemeier, Bremen/Freiburg Sept. 2007

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