Einführung in die Ausstellung
I.Marina Büning: Boote – Made in Italy
Stade, Neues Rathaus, 30. Oktober 2004
© Jutta de Vries

Heute möchte ich Ihnen, meine sehr geehrten Herren und Damen, die Bildhauerin und Installationskünstlerin Irmgard Marina Büning vorstellen. Obwohl sie in Otterndorf geboren und aufgewachsen ist, findet heute ihre erste Stader Ausstellung statt – wechselvolle Wege haben die Künstlerin aus einem von Volkswirtschaft und Soziologie geprägten Arbeitsleben in Hamburg in die Bildende Kunst und nach Italien geführt. Dort, im Land der Sehnsucht aller Künstler und Künstlerinnen, lebt Marina Büning die meiste Zeit des Jahres, – wenn sie nicht an den unterschiedlichsten Orten Ausstellungen vorbereitet, Bildhauerkurse gibt oder Symposien leitet. Sie lebt dort in einem alten Weinbauernhaus, mitten in den Sabiner Bergen oberhalb Roms, mitten in der Vielfalt der Natur. Und genau das ist es, was ihre Arbeiten widerspiegeln: die Kargheit des Berglandes lässt die kleinen Kostbarkeiten der Schöpfung überdeutlich hervortreten, und es sind diese Wunderwerke, die zu Inspirationsquellen für die Künstlerin werden. Ob es sich um dickfleischige Blätter einer verdorrten Pflanze handelt, um Distelblütenköpfe, um erdgeschliffenes Holz, um an Zäunen hängen gebliebene Schafwolle, um die technische Schönheit eines Spinnennetzes im Morgentau, um Vogeleier, Insektennester oder um Marmorbruchstücke, die ganz ohne Menschenhand im Bergfluss durch die Kraft des Wassers rund geschliffen wurden – diese Denkmuster und Materialien geben den Anstoß für ein künstlerisches Werk, das sich von den berühmten Lehrmeistern der Studienjahre Jan Koblasa, Katharina Duwe oder Hein Breloh konsequent absetzt und stattdessen der arte povera nahe steht. Arte povera, arme Kunst, Kunst mit „armen“ Materialien sozusagen, ist eine Richtung der Kunst, die von Italien ausgehend den Blick unmittelbar auf das Wesentliche einer künstlerischen Aussage führt, weg von der Opulenz materialer Überfülle. Auch die Arbeiten, die Marina Büning nach Stade mitgebracht hat, sind von konsequenter Kargheit. Ihre Überhöhung erhalten sie durch die Präsentation in eigens für sie geschaffenen Räumen im Raum. Es entsteht eine gewisse stille Intimität, die den Dialog zwischen Betrachter und Objekt auf Augenhöhe rückt. Und geradezu aus der Befürchtung heraus, die stille, edle Größe der schöpferischen Natur als Träger von Form, von Farbe, von Struktur und geistiger Bedeutung zu sehr zu strapazieren, baut Marina Büning Anti-Natur in ihre Objekte, es tauchen kitschig-bunte Plastik-Figürchen und Accessoires auf, die eine gehörige Portion an Irritation und Distanz hervorrufen. Marina Bünings großes Stader Thema ist das Boot. Als Metapher hat das Boot eine lange Geschichte, von den Felszeichnungen der Bronzezeit als Idole zum Erhalt gegen die Witterungsgewalten, von den ägyptischen Grabbeigaben zum Transport in die himmlischen Welten, vom Charon – Vehikel für den Transport in die Gefilde der Unterwelt, dem Odysseus-Vehikel für die Irrfahrt des Lebens, über die Trägerfunktion des Glaubens in den Gleichnissen des neuen Testaments, oder das Narrenschiff des spätmittelalterlichen Sebastian Brant zur Verbesserung der Sitten, bis zu den Schlager besungenen Schiffen der Sehnsucht – das Boot als Mittel der Fortbewegung auf ungewissen, schwankenden naturgewaltigen Wassern in ungewisse Fernen, im fragwürdigen Schutz einer von ungekannten Mächten verletzbaren, verletzlichen Hülle ist in allen Kulturen präsent. Bewusst war es der Künstlerin zunächst nicht, dass die Formen, die sie unmittelbar nach der Italien-Übersiedelung schuf, alle mit der Bootsform assoziiert werden konnten, darauf haben erst Freunde sie hingewiesen. So hat auch diese Ausstellung, viele Jahre nach der einschneidenden Orts-Veränderung, unmittelbar mit den persönlichen Erfahrungen der Künstlerin zu tun. Neben Naturmaterialien zeigt sie auch Bronzen aus der Reihe „mare nostrum“, (das ist die liebevolle Bezeichnung der Italiener für das Mittelmeer) oder Formen aus gebranntem Ton, bei denen die Form der bewegten Wasserlinie als Negativ einbezogen ist. Bronzene Tarot-Figuren verdeutlichen die Arbeiten „Teatro Podluch“, die auf ein Straßentheaterprojekt im Narrenstil der italienischen commedia dell’arte zurückgehen – das „Vorher – Nachher“ des Dialogs im Untereinander der beiden Arbeiten lässt ganze Beziehungs-Romane vor unserem inneren Auge ablaufen, und alles geschieht mit den minimalsten Mitteln. Mit Draht, Bast, Wolle oder Textilstreifen, also Materialien, die lineare Spuren geben, stellt Marina Büning durch Verwebungen, Verknüpfungen und Verflechtungen plastische Dreidimensionalität dar. Es entsteht ein transparenter Raum, der viel Raum lässt für die geistige Gestaltung individueller inhaltlicher Transporte. In ähnlichem Sinn knüpft sich die große Rauminstallation durch den Luftraum der Stader Rathaushalle – eigens für diesen Ort konzipiert, erzählt sie zunächst durch das Material der bunten Stoffstreifen von den bayrischen alten Bäuerinnen, die Stoffballen-Reste zu solchen Streifen reißen und zusammennähen, damit dann daraus Fleckerlteppiche gehäkelt werden können. Und wieder konnte der kontrastreiche Weg kaum weiter entfernt sein, von den Bäuerinnen der bayrischen Alpen zum Netz als Bootszubehör für den Broterwerb der Fischer an Meer und See. Und über diesen Weg führt Marina Büning, die Soziologin, die Botschaft zur Metapher der – immerhin zartfarbenen und verletzlichen Beziehungsnetze mit ihrer Vielfalt der Erscheinungsformen von Welt und Mensch, von Offenheit, Buntheit, Toleranz – wahre Kostbarkeiten können sich in ihren Geflechten fangen und das Leben bereichern. Netzwerke zu knüpfen ist ja die aktuelle Idee in allen Bereichen der Gesellschaft – keine Formulierung wird in unserer Zeit mehr bemüht, um im Dialog mit den unterschiedlichsten Kräften einzelner, gebündelte professionelle Ergebnisse zu erzielen. So könnte die Rathaus-Installation von Marina Büning hier auch symbolischen Wert haben. Lassen Sie uns jetzt deshalb noch weiter mit Gewinn am Kunst-Netz in dieser stillen, feinen Ausstellung knüpfen, meine Herren und Damen, ich schließe hier, denn George Bracque sagt schon, dass in der Kunst nur eins zählt – das, was man nicht erklären kann.
Jutta de Vries

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